10. Dezember: Im Norden ist immer Advent

Heute wird es literarisch.

Genauer gesagt lyrisch. 

Was wäre die Adventszeit ohne Gedichte?


von Peter-Thomas Stuberg, Superintendent Ev. Kirchenkreis Siegen


Texte durchweben meinen Arbeitsalltag...   

... an manchen Tagen scheint er aus nichts anderem zu bestehen als aus Protokollen, Beschlüssen, Satzungen, Verträgen. 
Dazwischen drängen sich unentwegt hunderte von Informationen unangemeldet auf. 
Über kurz oder lang verfliegt zum Glück ihr wuchtiger Einschlag: die Mail, das whats app, 
die breaking news, die Pressemitteilung.   
 
Ich selbst wirke durchaus mit an solcherlei Alltagstexten.   
Ihre Sprache ist nüchtern und wichtig für unsere präzise Verständigung. 
 
Starre Substantive sind es meist.  
Es mangelt dieser Sprache an bewegten Verben oder an schönen Adjektiven. 
 
Auch existieren diese Texte vielfach nicht lange. 

Sie verdämmern auf Festplatten, 
 
enden als Buchstabenlammetta
oder füllen regelmäßig die blaue Tonne. 

 Jeden Monat 240 Liter. 

 

 
Die Sprache der Bibel ist anders. 
Sie klingt lange nach. 

Sie weckt eine Fülle von Gefühlen! 
Sie umgarnt mich mit Bildern, 
 
 
lockt mit Erzählungen,  
verwickelt mich ins Gespräch. 
 
Literatur macht es auch so! 
 
Darum liebe ich beides. 

 

So unterschiedlich sie sind; so spannend wäre es, sie in Gedanken an einen Tisch zu setzen, sie ausreden zu lassen, die Bibel und die Literatur. Bei Wein, Brot und Käse am besten – bis tief in die Nacht. 

Dabei sollen beide Sprachräume keinen Besitzanspruch am jeweils Anderen  hegen! 

Eine echte Entdeckung war so für mich vor Kurzem die Lyrik. 

Die von Jan Wagner zum Beispiel. 

 

Sprache in verdichteter Form. 

Jedes Wort pure Energie! 

 

Er schreibt über Alltägliches: 

über den Teebeutel, 

den Giersch 

oder einen verlorenen Handschuh. 

 

Aber immer so, dass sein Blick darauf „Verstörung und Beglückung in derselben Sekunde"  (J. Wagner) auslösen. 
 
In der Überfülle der Alltagstexte vermag mich solche Lyrik zu sammeln 
wie der Klang eines einzelnen Cellos 
inmitten des Lärmteppichs eines Tages. 

Jan Wagners Gedicht „im norden“ zum Beispiel. 


im norden

wo die flachen feldsteine von den bergen träumen, 
tragen die wolken das ganze jahr 
transparente mit der grauen aufschrift "herbst", 
 
treiben von osten und westen die meere 
gehöfte und häuser zu dörfern zusammen 
das salz, das sich notizen macht in den seiten 
 
der luft, die bäume in den wind gekrümmt, 
vornübergebeugt nach löchern im erdboden suchend, 
wie nach verlorenen zehnpfennigstücken. 
 
im langen riedgras kauern die kirchen aus rauhen weißen 
steinen: aus schmalen fenstern blicken 
sie unverwandt und trotzig in den himmel 
 
wartend darauf, dass gott als erster blinzelt
 

aus: Wagner, Jan: "Selbstportrait mit Bienenschwarm, 
ausgewählte Gedichte 2001 - 2015", 
Hanser-Verlag München, S. 29
Wiedergabe mit Genehmigung des Lizenzgebers

 

"Im Norden" - eine Landschaft, die mich auf Urlaubsfahrten zum Meer Kilometer für Kilometer von der Last  meiner Verpflichtungen entbindet. 

Hinter Dümmer - Dammer - Berge und dem Ahlhorner Dreieck 
liegt der Norden als Sehnsuchtsort. 

Da träumen die Feldsteine vom Gebirge, die Dörfer rückt der ständige Salzwind zusammen und die gekrümmten Bäume suchen nach Löchern in der Erde. 

Mehr als eine Landschaft aber beschreibt Wagner hier etwas Uneingelöstes, 
das Hoffen auf Eigentliches. 
 
Es liegt in der Luft, 
lässt sich riechen. 

Irgendwie ist im Norden immer Advent. 

Wartezeit auf Mehr und auf Erfüllung. 

Ein Warten darauf, dass Gott „als erster blinzelt“. 

 

Ich lasse es einfach so stehen. 
Vielleicht theologisch unkorrekt,
 
freue ich mich einfach nur über dieses verschmitzt blinzelnde Antlitz Gottes, 
das die ganze Landschaft spürbar ersehnt. 
 
Allein in der Hoffnung darauf blinzelts bereits wirklich schon 
und der Advent kriegt eine freundliche Note.
Gerade als Wartezeit.

Im Norden – diese Landschaft liegt scheinbar in mir! 

Vielleicht auch in Ihnen? 

Vielleicht probieren Sie selbst sich im Reichtum der Sprache? 

Vielleicht kommt da was zum Klingen, was Alltagssprache nicht vermag?! 

Aber was wir alle dringend brauchen! 


Peter-Thomas Stuberg,  

geb. 1958, 

wirkt seit 2012 als Superintendent im Ev. Kirchenkreis Siegen. 

Stuberg war zuvor viele Jahre als Gemeindepfarrer in 

Gemeinden des Ev. Kirchenkreises Iserlohn tätig.



ZUM TIEFERGRABEN:

Jan Wagner, der Autor von "im norden" wurde im Oktober 1971 in Hamburg geboren und wuchs in Schleswig-Holstein auf. Er studierte Anglistik und Amerikanistik, zuerst in Hamburg und später am Trinity College in Dublin, Irland. Heute lebt er in Berlin. Jan Wagner erhielt 2017 die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung, den Büchner-Preis.

Unter dem Titel "Ins Blaue" sucht der Literaturwissenschaftler und Journalist Dr. Wolfgang Herles (z.B. ZDF-Literatursendung "das Blaue Sofa") das Gespräch mit zeitgenössischen Autor*innen. Im Frühjahr 2016, kurz nach Erscheinen von Wagners Gedichtbands "Selbstportrait mit Bienenschwarm" hat sich Wolfgang Harles mit Jan Wagner zu einem Spaziergang verabredet. 

Dieses Video ermöglicht es uns, die beiden unerkannt ein Stück ihres Weges zu begleiten und ihr Gespräch mitzuerleben.


Weitere Information zu Autor und Werk, ebenso wie von Jan Wagner selbst rezitierte Gedichte (leider nicht "im norden"...)  finden sich auf "Lyrik-Line", einer reichhaltig und hochwertig gestalteten Literaturseite im Internet.


ZUM WEITERDENKEN UND AUSPROBIEREN:

Welches sind meine Sehnsuchtsorte?

Welche Beziehung habe ich zu Lyrik, zu ver-dichteter Sprache?

 

 

Probiere aus, wie es klingt, wenn Du "im norden" vorliest. 

Welche Klangfarbe nimmt Deine Stimme an?

Welches Tempo bekommen die Worte, wenn Du sie sprichst?

  


Wie immer freuen wir uns über Kommentare, direkt hier oder unter #staunenundlernen im Social Media oder per Mail unter:

heike.dreisbach@kirchenkreis-siegen.de

silke.vandoorn@kirchenkreis-siegen.de

 

 Bis morgen, beim nächsten Türchen!



 


Kommentare



  1. Bisher habe ich mich über alle Türchen gefreut... Heute ganz besonders. Leider fehlt wieder u wieder die innere Ruhe, die Gedanken so lange wirken zu lassen - bis eigene hinaus wollen... heute ist das so. Danke fürs 10. Türchen und die poetische Entführung in den Norden. Ermutigung ziehe ich nicht nur aus dem Gedicht. Auch aus der Sehnsucht eines leitenden Theologen - der dem leidenden nahe kommt, weil offenbar "theopoetische" Zeit fehlt. Bibel und Literatur müsste man ausreden lassen... am gedeckten Tisch sitzend und staunend genießen. Wunderbar... vermutlich liegt hier "der Schatz" verborgen, den zu heben und in die Gemeinschaft einzuspielen (auch) die Aufgabe der Theolo_innen ist.
    Woher sollte sonst die Kraft herkommen, durch die Wüste des Alltags nicht nur irgenwie durchzukommen? Sondern im Alltag die Leuchtspuren inspirierender Sprache zu entdeckten und wirken zu lassen. Ich wünsche mir (oder leben wir nicht in einer Zeit, in der das Wünschen hilft?) von die Kirche leitenden und an ihr leidenden Menschen, dass sie die Ausreden nicht zu lassen: Im Amt gäbe es einfach nicht die Gelegenheit, lauschend die verschiedenen Sprachräume zu betreten... und wieder und wieder in ihnen zu bleiben... - um dann wieder unter die Leute zu gehen und die Schätze zu teilen, ins Gespräch zu bringen...
    Dass das zu selten geschieht, ist mein Eindruck. Und dass Kirche durch diesen Mangel ausdörrt auch.
    Das zu formulieren, meint nicht, Moralin zu verspritzen... Vielmehr ist es Ausdruck der Sehnsucht, dass "Kirche des Wortes" mehr ist als eine hohle Phrase...
    Danke fürs heutige Törchen und überhaupt für diesen wunderschönen Kalender...

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  2. Nachtrag: Ich würde mir neben Brot, Wein und Käse noch Heike Dreisbachs Humus wünschen auf diesem Tisch, an dem Bibel und Literatur neu zu leuchten beginnen.
    Allerdings "Bibel und Literatur"?
    Wird es nicht höchste Zeit, Bibel als Literatur wahrzunehmen? So viele Erzählungen sind in ihr, so viele sprachliche Bilder. Textgattung über Textgattung... Allerdings wird ein großer Teil des biblischen Reichtums immer noch und immer wieder einem Wahrheitsbegriff geopfert, der der herrlichen Komplexität des Buches der Bücher ganz und gar nicht gerecht wird. Und ja, immer noch und immer wieder werden nicht - kirchliche Menschen dadurch abgeschreckt, dass sie offensichtlich ihren Verstand ausschalten müssen, um in die Bibel hinein zu kommen. Das ist eine geistliche Katastrophe - und auch eine intellektuelle Kränkung.
    Vielleicht sollte 1. Korinther 14,20 neu gehört werden: "... seid in eurem Denken keine Kinder. Im Üblen mögt ihr Säuglinge sein, im Denken aber werdet Vollkommene." (Fridolin Stier).
    Denken - griechisch PHRÄN. Und das meint ursprünglich "Zwerchfell". Denken also im Rhythmus des Atmens. Damit ist die Sehnsucht nach der Ruhe verbunden, die es braucht, um dann doch wieder und wieder an jenem Tisch Platz zu nehmen. Gleichzeitig ist das Sitzen an diesem Tisch die Voraussetzung, an dieser Ruhe teilzuhaben...
    Oder nicht??

    Eines aber wird mir immer deutlicher: Jedes fundamentalistische Gebrüll und jede biblizistische Auslassung kostet uns einen hohen Preis... Nicht nur, dass Gott dadurch entehrt wird... In der "gebildeten Öffentlichkeit" außerhalb der Kirche gilt die Bibel wenig bis gar nichts. Und wer sich dazu bekennt, sie zu lesen und zu lieben, kommt in die Schublade "dümmliches Gerede"...
    Also Widerstand gegen diejenigen, die ihre dümmliche Naivität als Voraussetzung dafür verkaufen, die Bibel verstehen und ernst nehmen zu können... Das sollte Bibeltreue sein?

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